Wilhelmshaven im 2. Weltkrieg
Einige persönliche Anmerkungen von Manfred Borgwardt                                                   13.3.2010



Der erste Luftangriff auf Wilhelmshaven erfolgte völlig überraschend bereits am 4. September 1939. Der nur wenige hundert Meter  von meinem Elterhaus an der Wiesbadenbrücke liegende "Kleine Kreuzer Emden III" (1925-1954) wurde durch einen abgeschossenen britischen Bristol Blenheim-Bomber am Vorschiff beschädigt. Die Marine hatte an diesem Tage mit neun Toten und zwanzig Verwundeten ihre ersten Gefallenen im 2.Weltkrieg zu beklagen. Durch den Zwischenfall war nicht nur die Zivilbevölkerung  nachhaltig geschockt - der Bau von Bunkern und Luftschutztürmen wurde beschleunigt von denen viele heute noch zu sehen sind. 

Am 16.1.1941 wurde auf der gegenüberliegenden Seitee der Weserstraße (früher Kaiserstraße) meines Elternhauses dieses Hause getroffen. (Blick aus unserem Zimmer).
   
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Die unteren Bilder zeigen das (Eltern)haus Weserstraße 33.
Zum Glück wurde es nur durch Bombensplitter getroffen. Obligatorisch waren die zerstörten Fenster durch den Luftdruck - ein üblicher Mindestschaden nach jedem Bombenangriff.

Der Pfeil zeigt den Einschlag in unserem Wohnzimmer. Bei späteren Angriffen wurde das Eckhaus links am Bildrand völlig zerstört und die oberen Stockwerke des rechts angrenzenden Nachbarhauses. Typische Bilder in den Straßen jener Zeit waren immer riesige, bis in die Straßen ragende Schutthalden.

   
                     Großes Bild                                            Das schöne "Dampfradio" blieb unbeschädigt


Wilhelmshaven und die Region kam nie zur Ruhe. Selbst am Tage meiner Geburt im musste meine Mutter im Luftschutzbunker des Lazaretts entbinden. Auch sonst war das Leben jahrelang (!) oft genug Tag und Nacht durch sporadischen Fliegeralarm belastet. Dann hieß es für meine Mutter und meinen großen Bruder "alle Fenster auf" und dann samt Notkoffer und mit mir im Bollerwagen in einem der beiden Zombeck-Schutztürme an der Rheinstraße (ex. Roonstraße) eiligst Schutz zu suchen.

Der wohl schwerste Luftangriff zerstörte am 15. Oktober 1944 große Teile des alten Wilhelmshaven, also der damalige Kernstadt, die wegen der unmittelbaren Nähe zum Kriegshafen und den Werftanlagen besonders gefährdet war.
In diesem Zielgebiet befindet sich in der Weserstraße/ Allerstraße (ex. Kaiserstraße/Kronenstraße) auch mein Elternhaus. Während rund herum einige Häuser völlig und unser Nachbarhaus in der oberen Geschoßhöhe zerstört wurden, blieb unser Haus mit der Hausnummer 33 wie durch ein Wunder nur leicht beschädigt.

Der letzte Luftangriff war am 30.März 1945. 
Im 2.Weltkrieg hatte Wilhelmshaven insgesamt 1540 Fliegeralarme mit 102 Luftangriffen zu erleiden. Es wurden ca.11.000 Sprengbomben und ca. 73.000 Brandbomben abgeworfen.
Bei Kriegsende lagen ca. 60% der Wohnflächen des Stadtgebietes in Trümmern.

Am 6.Mai 1945 marschierten kanadische und polnische Truppen in Wilhlemshaven ein. Im Januar 1946 erließ die britische Militärbehörde die Zerstörung aller kriegswichtigen Einrichtungen, Hafenanlagen und Werften. Die technischen Anlagen der Werft wurden zuvor demontiert und in die UdSSR verbracht. Die Befürchtungen, die gesamte Stadt durch Sprengung aller Schleusen zu fluten haben sich zum Glück nicht bestätigt. (Die Stadt liegt unterhalb des Meeresspiegels)  

Bis 1950 haben die Allierten dann Hafenanlagen, Infrastrukturen, Werften sowie 3 von 4 Hafeneinfahrten/schleusen demontiert bzw unbrauchbar gemacht, soweit sie nicht ohnehin schon durch Luftangriffe zerstört wurden. Viele Bunke, Luftschutztürme und Unterstände stehen noch heute. Diejenigen Bunker in Wohngebieten die den damaligen Sprengversuchen widerstanden haben wurden in dem Zustand belassen weil weitere Spregungen zu gefährlich bzw eine konventionelle Entsorgung zu aufwändig waren. ( z.B. die beiden Zombecktürme an der Rheinstraße).

Bis ungefähr 1955 schien die Zeit in den nun zerstörten ehemaligen Hafen- und Werftanlagen stehenzubleiben. Erst nach Abzug der British Army aus dem Hafenbereich (Bontebrücke) und der ab 1955 begonnenen Aufbauphase der Bundesmarine  wurde nach und nach Ordnung geschaffen: Versenkte Munition und Schiffwracks geborgen, zerstörten Einfahrten und Schleusen entkernt, "vergraben" und renaturiert  (2. und 3.Einfahrt) bzw wieder aufgebaut (4.Einfahrt 1959-1964). Zugleich wurde das riesengroße Gelände der ehemaligen Marinewerft an der Gökerstraße mit den Jachmann-Kasernen von Grund auf  für den Bundewehr-Marinestützpunkt bzw für  das Marinearsenal neu gestaltet.
Die noch junge Bundesmarine konnte ihre schwimmenden Einheiten (z.B. Marinesuchgeschwader) an der ebenfalls neugestalteten Wiesbadenbrücke im Großen Hafen zuweisen.

Leicht nachzuvollziehen, dass wir Kinder unsere "Spielplätze" in den Nachkriegsjahren zunächst in den Trümmern der Nachbarhäuser und den zerstörten Hafenanlagen, Kasernen und Bunkern gefunden hatten. Verrostete Schiffwracks, Zerstörte Kaianlagen, Waffenfragmente und tonnenweise im Hafen versenkte Munition waren uns immer gegenwärtig. Zum Glück war ich als Kind mit einer gehörigen Portion Respekt und Angst ausgestattet - anders als meine Spielkamaraden bin ich nicht in in Wracks,  leeren Schweröltanks oder unterirdischen Bunkern rumgekrabbelt.

Diese Niederschrift habe ich meinen Kindern, Neffen und Nichten und Enkelkindern gewidmet.


Einen fotografischen Streifzug durch das maritime Wilhelmshaven der Neuzeit zeige ich Ihnen gerne in diesem Album: Impressionen 2008 aus Wilhelmshaven


Manfred Borgwardt   borgwardt24.de     Kontakt / Feedback